An der Universität Regensburg habe ich heute mit PD Dr. Frank Sauer, Experte für Sicherheitspolitik an der Universität der Bundeswehr in München darüber diskutiert, warum Klimaschutzpolitik Sicherheitspolitik ist.
Im Mittelpunkt stand die These, dass die Klimakrise längst nicht mehr nur eine ökologische Herausforderung ist, sondern als globaler Risikoverstärker bestehende Konflikte verschärft und damit zu einem zentralen sicherheitspolitischen Problem geworden ist. Das hat auch die interdisziplinäre Klima-Risikoeinschätzung NiKe gezeigt.
Klimakrise als Sicherheitsrisiko
Steigende Temperaturen, häufigere Dürren und Extremwetterereignisse führen weltweit zu Ernteausfällen, Wasserknappheit und wirtschaftlicher Instabilität. Dadurch nehmen Ressourcenkonflikte zu, fragile Gesellschaften und Staaten geraten weiter unter Druck, bewaffnete Auseinandersetzungen werden wahrscheinlicher und immer mehr Menschen sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Klimakrise wirkt damit nicht isoliert, sondern verschärft bestehende gesellschaftliche und geopolitische Spannungen.
Klimaschutz ist auch Menschenrechtsschutz
Klimaschutz und Klimaanpassung sind zugleich Menschenrechtsschutz. Umgekehrt führen unzureichender Klimaschutz und mangelnde Anpassungsmaßnahmen zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen. Das Recht auf Nahrung wird durch Ernteausfälle und den Verlust von Weideflächen bedroht, der Zugang zu sauberem Wasser erschwert und die Gesundheit durch extreme Hitze, die Ausbreitung von Krankheiten und weitere klimabedingte Folgen beeinträchtigt. Auch das Risiko von Gewalt steigt, wenn Ressourcenkonflikte zunehmen. Klimaschutz bedeutet deshalb nicht nur Emissionsminderung, sondern den Schutz der grundlegenden Lebensgrundlagen von Menschen.
Prävention ist Teil moderner Sicherheitspolitik
Aus dieser Perspektive sind vermiedene Treibhausgasemissionen eine Investition in unsere zukünftige Sicherheit. Wer heute in Klimaschutz investiert, reduziert langfristig Risiken, Konflikte und die Folgekosten von Krisen. Ebenso gehören nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe zu einer modernen Sicherheitsarchitektur. Sie stabilisieren Gesellschaften, stärken ihre Resilienz und helfen dabei, Krisen gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Dennoch werden diese Bereiche in politischen Haushaltsdebatten häufig als verzichtbares „Nice-to-have“ behandelt – ähnlich wie der Klimaschutz selbst. Das zeigt sich aktuell besonders deutlich: Während die Ausgaben für Verteidigung inzwischen auf über 100 Milliarden Euro gestiegen sind und der Etat des Verteidigungsministeriums bis 2030 auf rund 180 Milliarden Euro anwachsen soll, wird die humanitäre Hilfe von zwei auf eine Milliarde Euro halbiert und die Entwicklungszusammenarbeit von zwölf auf neun Milliarden Euro gekürzt. Allein diese Größenordnungen verdeutlichen, wie sehr die Bundesregierung den sicherheitspolitischen Wert humanitärer Hilfe und nachhaltiger Entwicklungspolitik unterschätzt.
Tatsächlich verhält es sich umgekehrt: Wer heute bei Prävention, Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz kürzt, spart nicht, sondern verschiebt die Kosten in die Zukunft – finanziell ebenso wie sicherheitspolitisch. Freiheit und Sicherheit sind langfristig nur mit intakten Ökosystemen, resilienten Gesellschaften und stabilen internationalen Partnerschaften denkbar.
Desinformation als strategisches Instrument
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Rolle von Desinformation. Immer wieder werden Klimaschutz, Entwicklungszusammenarbeit oder humanitäre Hilfe gezielt diskreditiert. Genannt wurden beispielsweise Kampagnen, die einzelne Entwicklungsprojekte – etwa die vielfach zitierte Erzählung über „Radwege in Peru“ – aus dem Zusammenhang reißen und als Symbol angeblicher Steuergeldverschwendung darstellen. Solche Narrative liegen im Interesse autoritärer Staaten, die demokratische Gesellschaften spalten und das Vertrauen in internationale Zusammenarbeit untergraben wollen.
Auch wirtschaftliche Interessen spielen dabei eine Rolle. Staaten, deren Wohlstand bislang stark auf fossilen Energieträgern beruht und die sich nur unzureichend auf ein postfossiles Zeitalter vorbereitet haben, fördern oder verstärken teilweise gezielt Zweifel an der Energiewende. Dazu gehören irreführende Behauptungen über die angeblich grundsätzlich schlechte Umweltbilanz von Elektroautos oder wiederkehrende Untergangsszenarien, wonach fossile Energien alternativlos seien und Klimaschutz deshalb keinen Unterschied mache. Die tatsächliche Entwicklung zeichnet jedoch ein anderes Bild: Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet weltweit in historischem Tempo voran. Während international enorme Dynamik herrscht, wird die Debatte in Deutschland häufig noch so geführt, als befände man sich in einer fossilen Parallelwelt.
Zukunftstechnologien stärken Europas Wettbewerbsfähigkeit
Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass Deutschland und Europa Gefahr laufen, bei Zukunftstechnologien an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen, nachdem der Ausbau erneuerbarer Energien und anderer Schlüsseltechnologien über Jahre ausgebremst wurde. Umso wichtiger ist es, konsequent in Zukunftstechnologien, Innovationen und eine klimaneutrale Wirtschaft zu investieren. Klimaschutz ist damit nicht nur ökologische Notwendigkeit, sondern auch Voraussetzung für wirtschaftliche Stärke und technologische Souveränität.
Nachhaltigkeit als europäisches Eigeninteresse
Abschließend wurde deutlich, dass die Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsziele sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Sicherheitspolitik nicht nur Ausdruck von Solidarität und Menschlichkeit ist, sondern im ureigenen europäischen Interesse liegt. Nachhaltige Entwicklung schafft stabile Partnerschaften, stärkt die regelbasierte internationale Ordnung und erhöht langfristig Sicherheit und Wohlstand.
Gerade Europa kann dabei selbstbewusst auftreten: Transparenz, Rechtsstaatlichkeit sowie hohe soziale und ökologische Standards sind ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber rein macht- oder ressourcenorientierten Angeboten autoritärer Staaten. Klimaschutz, internationale Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung sind deshalb keine Nebenschauplätze der Politik, sondern zentrale Investitionen in Frieden, Sicherheit und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften.